VertrauensSache
Blog der Gesprächspartner



Vertrauen im öffentlichen Raum – eine Diagnose

Vertrauen ist ein großes Wort – emotional, diffus, schwammig. Und doch spüren wir ganz genau, wenn es uns fehlt. Dabei ist die Rede vom Vertrauen alles andere als gefühliges Geschwätz. Vertrauen ist eine höchst rationale Sache. Es führt erst dazu, dass wir überhaupt zusammen arbeiten und leben können. Würden wir dem Anderen nicht vertrauen, so fehlte jede Basis für ein funktionierendes Miteinander. Wir würden in der Isolation enden, weil wir jegliche Arbeitsteilung ablehnen müssten. Aber Vertrauen kann noch viel mehr. Im Sinne des Zutrauens reduziert es Komplexität. Mit ihm delegieren wir Zuständigkeit an Andere. So müssen wir nicht mehr alles selbst wissen und durchdenken. Es tut jemand für uns. Nur durch diesen Vertrauensvorschuss öffnen sich überhaupt Spielräume des Handelns für Unternehmen, Verwaltungen und Forscher.

Vertrauenskrise: Aber warum?

Verblüffend ist: Gerade in den heute so unübersichtlichen Zeiten, in denen der Wunsch nach Reduktion von Komplexität steigen müsste, schwindet unsere Fähigkeit zu vertrauen – zumindest im öffentlichen Raum. Symptome dieser Vertrauenskrise sind zahlreich: Wachsende Kritik an der Objektivität von Berichterstattung; steigender Zynismus gegenüber politischen Repräsentanten; vehemente Ablehnung von Großprojekten, deren Sinn sich vor Ort häufig nicht erschließt. Vorschuss an Vertrauen scheint es immer seltener zu geben. Die spannende Frage lautet: Wie konnte es zu diesem Klima des Misstrauens kommen, das den öffentlichen Raum immer weiter zerfallen lässt? Ich möchte eine Diagnose wagen – und drei wesentliche Gründe skizzieren:

1. Neue Unübersichtlichkeit in der Aufmerksamkeitsökonomie

Die Demokratisierung der Öffentlichkeit ist gut, weil sie Transparenz schafft und neue Türen des Wissens öffnet. Sie hat einen Nachteil: Es explodiert das, was Luhmann die Produktion von Sinnüberschuss nannte. Es gibt zu viel Information, die nicht mehr verarbeitet und in einen Zusammenhang gestellt werden kann. Das erste Opfer dieser Entwicklungen sind die sog. Leitmedien, die in der Vergangenheit dazu da waren, eine möglichst konsistente und allgemeinverbindliche Deutung dessen zu liefern, was in der Welt geschieht. Heute sind wir allein auf uns selbst angewiesen, um zu entscheiden, wem wir glauben – und folgen. Die Konsequenz: Wahrheit wird alternativer, Wissen wird vorläufiger, Informationen verlieren an Deutungskraft. Wir sind zurück auf Hobbes gekommen, der einmal schrieb: „Die Wahrheit des Gesagten wird nur geglaubt, weil man der Person glaubt, die es sagt.“ Diese Personen sitzen immer seltener in Redaktionen, in Parlamenten oder in Unternehmen. Wir finden sie immer öfter im persönlichen Umfeld, das dazu da neigt, die eigene Meinung möglichst zu bestätigen. Der Soziologe Dirk Baecker nennt das die Renaissance der „oralen Stammesgesellschaft“.

2. Struktureller Verlust an Empathie in der Gesellschaft

Viele von uns sind geistige Kinder der 1990er Jahre. Diese Dekade hat uns gelehrt (oder lehren wollen): Kümmere Dich zunächst um Dich selbst, verwirkliche Dich, folge Deiner eigenen Agenda. Das ist ja nicht falsch in einer offenen und individualisierten Gesellschaft. In Verknüpfung mit dem, was Soziologen als Systemtheorie bezeichnen würden, wird es aber ungemütlich. Wir sind nicht nur individualisierter als je zuvor. Wir sind auch immer öfter Teil von kleinsten Kollektiven – seien es Unternehmenseinheiten, Nachbarschaftsinitiativen oder WhatsApp-Gruppen – die dazu neigen, sich eine eigene Sprache, eigene Werte, eigene Symbole zu schaffen. Diese Kodizes der Binnensicht machen es einem schwer, das Verhalten anderer Gruppen (und deren Repräsentanten) zu verstehen – und sich auf sie einzulassen. Das heißt: Je atomisierter die Gesellschaft, je fein ziselierter ihre Segmente, desto weniger Verständnis entwickeln wir für die Denk-, Sicht- und Arbeitsweisen des Gegenübers. Und mit mangelnder Empathie sinkt – richtig – das Vertrauen.

3. Die Krise des Sich-Repräsentiert-Fühlens

In den vergangenen Jahren hat sich eine schleichende Krise der Repräsentation eingestellt – oder anders: eine Krise des Sich-Repräsentiert-Fühlens. Es fällt vielen von uns immer schwerer, unsere Interessen im öffentlichen Raum von anderen Menschen vertreten zu lassen. Dieses Phänomen verstärkt sich, je weiter die Entscheidungsebenen von der gefühlten Lebenswirklichkeit entfernt sind. So wirken Politik und Unternehmen mit ihren komplexen Entscheidungsprozessen für viele Bürger als unzugängliche black boxes. Auslöser für diesen nachhaltigen Verlust von Vertrauen gegenüber Staat, Wirtschaft und Wissenschaft scheint der verzögerte Schock über die Finanz- und Wirtschaftskrise zu sein, die uns weitaus mehr geprägt hat, als wir meinen. Dass das Handeln weniger grauer Eminenzen bei Banken und Versicherern dazu führen kann, dass wir kollektiv in den Abgrund des kapitalistischen Systems schauen, wirkt gesellschaftlich nach. Viele haben daraus die Lehre gezogen: Verlass Dich nicht auf Konzerne, auf Medien oder Politik, sondern vertraue auf Dich selbst, auf Deine Familie und auf Deine Nachbarschaft.

Was ist zu tun?

Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Um diesen Entwicklungen entgegenzuwirken, gibt es ein probates Mittel. Der öffentliche Raum darf nicht zerfallen, er muss wieder zusammengeführt werden. Die Denkweise ist simpel: Dort, wo Lebenswelten auseinanderdriften, da fehlt das Verständnis füreinander, das Misstrauen wächst. Dort, wo Lebenswelten miteinander verwoben werden, wo sie sich abgleichen, wo sie sich austauschen, da entsteht Vertrauen. Aus diesem Grund sind wir auf Kooperation angewiesen, auf Dialog und auf ritualisierte Formen des Miteinanders. Genau für diese Räume der Zusammenarbeit möchten Die Gesprächspartner sorgen. Damit mehr Vertrauen im öffentlichen Raum entstehen kann.