VertrauensSache
Blog der Gesprächspartner



Auto-Gipfel: Vertrauen durch Software-Update?

Momentan wird die letzte Bastion der alten Bundesrepublik geschleift. Keine Branche stand so sehr für den ökonomischen Aufstieg und die volkswirtschaftliche Zufriedenheit der vergangenen Jahrzehnte wie die Automobilindustrie. Symbolisch für ihre Bedeutung prangte der Mercedes-Stern auf dem Bonn-Center gefühlte 20. Stockwerke höher als das bewusst zurückgenommen gebaute Kanzleramt in direkter Nachbarschaft. Das Bild war klar: Die Bundesrepublik setzte auf wirtschaftliche Potenz, nicht auf politischen Protz. In der ersten Reihe dabei: die Autohersteller.

Mit diesem Selbstbewusstsein im Rücken traten Winterkorn, Wiedeking oder Zetsche stets gegenüber der Öffentlichkeit und der Politik auf. Der einfache Satz hieß: Wer die Automobilwirtschaft in Frage stellt, der wackelt an den Grundfesten der bundesdeutschen Wirtschaft – ja, am Erfolgsmodell der guten alten Bundesrepublik.
Betrachtet man den öffentlichen Diskurs der vergangenen Tage, so möchte man sich verwundert die Augen reiben. Schon länger braute sich Ungutes zusammen, beginnend mit dem Abgasskandal bei VW. Mit der Veröffentlichung des SPIEGEL über angebliche Kartellbildungen und dem Urteil des Verwaltungsgerichts in Stuttgart zum Luftreinhalteplan der Landeshauptstadt hat sich das Pendel des Diskurses nun sehr klar in Richtung der Kritiker der Autoindustrie bewegt.

Dialog mit Verbrauchern, nicht in der Business Lounge

Die Autohersteller sind in der Krise, sie haben ihr Selbstbewusstsein – und viel dramatischer – ihre Deutungsmacht verloren. Der Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung ist krass: vom Vorzeige- zum Schmuddelkind der Wirtschaft, von Made in Germany zu Made in the Dark, vom unbestechlichen Ingenieur zum hinterlistigen Schummler. So die zugespitzte Wiedergabe der öffentlichen Wahrnehmung.

Kommunikativ läuft das Spiel jetzt nach den üblichen Regeln der Meinungsbildung ab. Medien und Verbraucher sind (zu Recht) empört, die Politik lädt zum Krisengipfel ein, die Hersteller setzen auf Läuterung. Wenn Matthias Wissmann, starker Präsident des Verbandes der Automobilindustrie (VDA), Sätze wie diesen sagen muss, dann weiß man, dass es gerade nicht rund läuft für die Branche: „Jetzt gilt es, das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen. Daran arbeiten wir alle.

Auch in diesem Fall bewährt sich die Weisheit: Vertrauen baut sich langsam auf, ist aber schnell verloren. Man kann den Verantwortlichen in der Automobilbranche nur raten: Nehmt diese Vertrauenskrise ernst – und versucht nicht, sie mit Hochglanz-PR zu übertünchen. Um Vertrauen zurückzugewinnen, reicht kein Autogipfel, kein Imagevideo – und auch kein Software-Update. Vertrauen lässt sich nur langfristig wiederherstellen. Durch sichtbare Taten, durch nachhaltige Innovationen – und durch einen überzeugenden Dialog mit den Verbrauchern.

Interessanterweise steht die Automobilbranche gerade in einem Dialog. Er heißt: Mobilität von morgen. Dieser Dialog muss raus aus der Business Lounge, raus aus der Fach- und Politiknische. Er gehört dorthin, wo die Nutzer sind: auf die Straße, ins Autohaus, auf die Parkplätze dieser Republik. Lebenswelten müssen wieder zusammenkommen, die sich Schritt für Schritt getrennt haben. Die Lebenswelt der Automanager und die Realität der Autofahrer.