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Blog der Gesprächspartner



Maik Bohne19. September 2017

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Wahlkampf in Deutschland: Schlittschuhlaufen über brüchiges Eis

Mein Großvater hatte viele Weisheiten parat. Eine davon lautete: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Will heißen: Menschen mögen zwar an die Freiheit der Wahl und an den Fortschritt glauben. Im Kern sind sie aber an Sicherheit und Stabilität interessiert. Man wechselt einfach äußerst ungern die Pferde. Diese Weisheit gilt aktuell insbesondere in Deutschland, dem Land von Maß und Mitte, dem Hort der Stabilität inmitten weltweiter Krisen, dem Land der Besitzstandswahrung.

Wie ist es anders zu erklären, dass eine Wechselstimmung nach zwölf Jahren Amtszeit von Angela Merkel nicht einmal im Ansatz erkennbar ist. Zuletzt gewann die Kanzlerin sogar die (inoffiziellen) U18 (!)-Wahlen mit deutlichem Abstand, als Vorsitzende einer immer noch als konservativ konnotierten Partei. Man mag ja über ihren Wahlkampfslogan lächeln, der als Ziel ein Deutschland ausgibt, in dem man gut und gerne leben kann. Aber es trifft das Gefühl des juste milieu in unserem Land, das sich in etwa so zitieren lässt: „Warum wechseln? Uns geht es doch gut.“

Geht es uns wirklich gut? Für mich fühlt sich dieser Wahlkampf an wie Schlittschuhlaufen über brüchiges Eis. Unter der dünnen Schicht der uns bekannten Politikwirklichkeit mit seinen telegenen Bürger-Fragestunden, digital unterstützten Haustürbesuchen und bunten Luftballons entsteht ein unangenehmes Gemisch aus Tabubruch, Streitlust und gesellschaftlicher Entfremdung.

Dieser Wahlkampf mag es noch übertünchen. Aber es scheint (wieder einmal) der Zeitpunkt gekommen zu sein, an dem die liberale Moderne, die sich schon als sichere Siegerin der Geschichte gewähnt hatte, ausgelaugt und ermattet wirkt. Ihre kleinen Brüder, Kapitalismus und Individualismus, haben im Duett eine Gesellschaft geschaffen, die immer öfter an ihrem fundamentalen Versprechen scheitert, dass jeder wichtig ist, dass jeder wirksam und besonders sein kann. Zurück bleiben Menschen, die nicht mehr daran glauben, die Dinge selbst in die Hand nehmen zu können (es sei denn in lokalen Initiativen); die nicht mehr wissen, wie es sich im sicheren Hafen der gesellschaftlichen Solidarität anfühlt; die nicht mehr daran glauben, dass es ihnen besser gehen wird als der Generation zuvor.

Dieser Drift ist es, die in anderen Ländern (insbesondere junge) Menschen auf die Straße gehen und nach einem neuen gesellschaftlichen Miteinander streben lässt. Menschen, die nicht mehr mit ruhiger Hand regiert werden wollen, sondern die von der ständigen Unrast der Dinge (Tocqueville) mitgerissen werden. Es bedarf keiner großen Wahrsagekunst: Es wird der letzte Wahlkampf in Deutschland sein, in dem Maß und Mitte regieren. Wir werden uns auf noch mehr Emotionalität und Wut einstellen müssen – mit all seinen positiven (belebte Demokratie) und negativen (weniger Sachlichkeit) Konsequenzen. Das heißt nicht, dass wir auf dem Weg in ein neues fin de siècle sind. Geschichte wiederholt sich nicht. Aber das Gefühl will nicht weichen, dass mit der Kanzlerschaft Merkels etwas Gewohntes zu Ende geht – sei es 2017 oder 2021.